SANS PAPIERS Redebeitrag von aufgetaucht vom 18.06.2012

Redebeitrag Montagskundgebung/-demo

Wir, die Gruppe „Aufgetaucht!“, freuen uns, dass die Sans Papier heute in Heidelberg sind.
Wir unterstützen den „Europäischen Marsch der Sans Papiers und Migrant_Innen“ sowie deren Forderungen vollständig und sind begeistert von dem Mut, den diese Menschen hier aufbringen, um für ihre Rechte einzutreten. Sie sind Vorbilder für uns.

Wir sind eine studentische Flüchtinglingsunterstützer_innen Gruppe aus Heidelberg und möchten die Gelegenheit kurz nutzen, um auf die menschenverachtende Umgangsweise mit Flüchtlingen aufmerksam zu machen, die tagtäglich in Deutschland, und in diesem Moment auch etwa 30 km von uns entfernt passiert: im Flüchtlingslager Sinsheim.

Das Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis ist seit April 1998 für die vorläufige Unterbringung ausländischer Flüchtlinge im Landkreis zuständig und betreibt dazu unter anderem in Sinsheim ein offiziell „Gemeinschaftsunterkunft (GUK)“ genanntes Lager, in dem momentan über 300 Flüchtlinge und Migrant_Innen aus aller Welt leben. Damit ist es die größte Unterkunft im Rhein-Neckar-Kreis und eine der größten in Baden-Württemberg.

Wie die meisten der Isolationslager, liegt auch das Lager in Sinsheim außerhalb der Stadt, als eines der letzten Gebäude im Industriegebiet. Direkt an den Bahngleisen, neben einem Bauschuttunternehmen, gegenüber eines Hundeheims. Die mangelhafte Absicherung der Bahngleise führte im April 2011 zum Tod eines zweijährigen Kindes.

Es gibt aber eine Vielzahl weiterer Probleme im Lager Sinsheim: die Bewohner_innen bekommen vorgefertigte Essenspakete mit immer selbem Inhalt, die zum Einen eine ausgewogene, gesunde Ernährung verhindern, zum Anderen die Bewohner bevormunden und eine Selbstbestimmung im Hinblick auf Ernährung ausschließen. Hinzu kommt die Unterbringung von ganzen Familien oder sich gänzlich unbekannten Menschen in viel zu kleinen Zimmern: jedem Asylbewerber stehen dem Gesetz nach 4,5 qm Wohnraum zu. Völlig unhygienische Zustände in sanitären Anlagen und Gemeinschaftsküchen, die mit etwa 8 Kochplatten für bis zu 60 Menschen zudem völlig unzureichend sind, sind der Regelfall. An Bargeld stehen den Bewohner_Innen 40 € monatlich zur Verfügung. Es gibt kaum Sprachkursangebote und fast keine Beschäftigung, arbeiten darf sowieso fast niemand.

Sommerfest, 15.06.2012
Vergangenen Freitag, am 15.06.2012 fand ein Sommerfest im Lager statt, das von der Lagerleitung und der Stadt Sinsheim für die Flüchtlinge organisiert wurde. Es wurden zahlreiche Vertreter der Stadt und des für Sinsheim zuständigen Landratsamtes eingeladen.
Im Vorfeld hat die Lagerleitung die Flüchtlinge gebeten, für diesen Anlass traditionelles Essen aus ihrem Herkunftsland vorzubereiten, wofür sie ausnahmsweise Geld bekommen haben, um die Lebensmittel dafür einkaufen zu können. Einmal im Jahr kommen zuständige Politiker ins Lager Sinsheim und bekommen dort ein Scheinbild vermittelt.
An diesem Morgen war ein Boykott der Essenpakete von Seiten der Flüchtlinge geplant gewesen, den sie bereits am Dienstag der vorangegangen Woche begonnen hatten. Es kam nicht zu diesem Boykott, da die Lagerleitung den Flüchtlingen Falschaussagen, wie z.B. diejenige, dass ein Boykott illegal sei, mitgeteilt hatte. Einzelne, von den Obrigkeiten als Initiatioren Verstandene, wurden zu Lagerleitung und Rathaus zitiert und wurden mit „Konsequenzen“ bedroht. Diese Art von Umgang mit Flüchtlingen ist in Sinsheim kein Einzelfall, zahlreich beschwerten sich Bewohner_Innen in der Vergangenheit darüber, dass sie von der Lagerleitung mit ihren Anliegen nicht ernst genommen werden würden, willkürlich wird Einzelnen sogar das bisschen Taschengeld von 40 € vorenthalten, offen rassistische Äußerungen á la „Wenn es dir hier nicht gefällt, geh doch zurück in dein Land“ sind an der Tagesordnung und auch bei einer vor zwei Wochen stattfindenden Kundgebung in der Innenstadt Sinsheims erfuhren Teilnehmende im Nachhinein Repression.
Unter den 120 bis 150 Flüchtlingen und Besuchern, die am Sommerfest teilnahmen, herrschte ausgelassene Stimmung und das Angebot wurde von einigen sichtlich willkommen, als Ablenkung vom schnöden Lageralltag, entgegen genommen. Ein großer Teil lehnte die Teilnahme am Sommerfest jedoch ab: Viele waren an dem Tag nicht im Lager, sind in ihren Zimmern geblieben, oder haben das Spektakel aus der Ferne betrachtet. Zudem gab es eine inszenierte Führung für einige Vertreter_innen der Stadt durch das Lager, wobei zunächst natürlich lediglich die erst vor Kurzem gebauten, noch sehr sauber und gepflegt aussehenden Container des Lagers betreten wurden. Es wurde ausschließlich auf die vielen neuen Waschmaschinen und den guten Zustand der Küchen, WCs und Badezimmer hingewiesen. Zwei Mitglieder von „Aufgetaucht!“ waren dabei und bekamen mit, wie es dann doch noch zu einer Besichtigung des Männergebäudes kam, welches das am heruntergekommenste Gebäude im Lager ist. Dieses war für die Führung selbstverständlich nicht vorgesehen. Die Gesichter der Vertreter sprachen für sich, als man die Gemeinschaftsküche betrat. Der die Führung leitende Herr Winkler, Vorgesetzter der Lagerleitung, rechtfertigte den unzumutbaren Zustand damit, dass dies die Schuld der Flüchtlinge sei, denn wenn einer nicht putzen würde, würde es der nächste auch nicht tun und somit käme es zu diesem Zustand. Das diese Darstellung völlig verkürzt ist, muss nicht näher erläutert werden. Als die Frage aufkam, weswegen man nur einen Herd für 40 Personen hätte, war die Antwort, dass man ja nicht für jede Person einen Herd hinstellen könne. Es wurde danach versucht, die Besucher schnell wieder hinaus zu lotsen, jedoch war einer der Flüchtlinge bereit, den Vertretern sein Zimmer zu zeigen, in dem er mit zwei weiteren Männern wohnt und in dem jede Nacht einer auf dem Boden schlafen muss. Den Besuchern wurden gezielt Informationen vorenthalten, wie z.B., dass bis zu fünf Personen in einem Zimmer wohnen und es keinen den Bewohner_Innen zugänglichen Gemeinschaftsraum gibt.
Wir von „Aufgetaucht!“ waren an diesem Tag als passive Beobachter am Ort des Geschehens, denn die Lagerleitung, sowie die mit dieser kooperiende christlich-missionarische Gruppe „SAM international“ hatten im Voraus versucht, uns als Buhmänner darzustellen und behauptet, wir hätten die Flüchtlinge zum Essenspaketboykott angestiftet. Das ist aber nie der Fall gewesen.
Morgen Mittag besuchen die hier anwesenden Sans Papier das Lager Sinsheim, worüber die Bewohner_innen und auch wir als Gruppe dankbar sind. Es ist zu hoffen, dass sich durch die zunehmende Öffentlichkeit, die das Lager Sinsheim aktuell erfährt, die Lage dort endlich verbessert und den Flüchtlingen menschenwürdige Rahmenbedingungen für ein Leben in Deutschland gegeben werden.

Brecht die Isolation von Flüchtlingen!
Lasst uns zusammen dafür Sorge tragen, dass Menschen wie Menschen behandelt werden, unabhängig von Nationalität und Aussehen!
Jeder von uns ist verantwortlich!